Sundial: the app

4. August 2011

It is white, slim, featuristic and connects its user to the rhythm of metropolises anywhere.

It is the pride of craftmanship and technology and lends its possessor the aura of hipness.

We are not talking about the iPhone or anything contemporary. We are talking about the must-have of 1450, a similarily “killing app”: the medieval sundial made from ivory and crafted by proud (and somewhat fenced-in) technologist-artisans in the city of Nuremberg.

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The twenty-some Patrizier-families ruling Nuremberg by then carefully watched over the city’s potential to gain wealth by innovatiing and by marketing sought-after goods of luxury.

An incredible industrial power emerged from this exercise:  Around 1500 a.c., the craftsmen of Nuremberg were able to deliver 25.000 harnishes within 6 months after the order was placed. This is what Roland Schewe, responsible for restauration of weapons and scientific instruments in the GNM (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg), told us today.

And as you may bet: There’s an end to every success-story. In Nuremberg, says Mr Schewe, the classification of sundial-making as hidden art prohibited the free flow of information, and any type of professional exchange. Even flawed models of inscriptions on sundials were copied over at least two generations and went out without anybody noticing, it appears.

Desired objects as status symbols?

Dumb users?

Copy & paste as source of decline?

The success of Nuremberg-made sundials didn’t last forever, they were replaced by other items to measure time and prove taste.
And although history doesn’t repeat itself (at least that’s what they say), there’s lots of things to observe in the field of early high-tech, it seems. Thanks to Dr. Thomas Eser, Roland Schewe and Alexander Thekale we (Sergey Stafeev, Klaus zur Lage and myself) had an magnificent insight into the mechanics of sunlight, science and success.

Stil ’11 | Lebensgefühl als Sample

1. August 2011

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The times they have no style – and anything goes is dead.

Wie lange musst du zurückdenken, bis du auf eine Zeit stösst, in der die Musik, die Kunst, die Kleidung und das Lebensgefühl aus einem Guss waren? Zwanzig Jahre? Mehr?

Was ist geschehen, wann hat sich das Glücksgefühl, zum Bersten kontemporär zu sein (es sein zu können!), aufgelöst? Wo ist die Chance, “zum Herzschlag der besten Musik” (Fehlfarben in “Das war vor Jahren”), zu tanzen?

Die moderne Kunst (= die Kunst von heute) und die Musik heute sind an einem ähnlichen Nullpunkt. Anything goes, der joviale Unterhalter, ist krank geworden und hat sich zurückgezogen. Ohne A. goes allerdings fehlt der Enthusiasmus für die Bilder “aus der Hüfte geschossen”, und für die Musik aus dem Notebook. Es ist auf Dauer zu dünn, zu fiepsig, zu billig. Es ist zu hastig, zu enthusiastisch, zu beliebig.

Das Mischen der Stile aller Zeiten ist unerträglich geworden – und niemand kann mehr zurück. Denn wer kann sich noch erinnern, an einen reinen Stil, an einen Sound der Zeit? Selbst wenn man ihn prägen wollte, diesen Stil der Zeit – woher käme etwas, das an nichts erinnert, und das in seiner Kombination mit der Welt da draussen ein Gefühl purer Jetzt-heit hervorruft? Woran will man heute Zeitgenossenschaft erkennen? Was kann uns im Guten Schönen Wahren (= in der Domäne des eigentlich Nutzlosen, nur für Schöngeister zentralen) beweisen, dass wir nicht Wiedergänger der Hippies mit dem Sound der Rock’n’Roller in den Klamotten der New Waver sind? Oder Wandervögel mit dem Weltbild von Mitgliedern schlagender Verbindungen und dem Look von Existenzialisten?

Der Abstand zwischen den Tasten ist zu klein geworden. Die Samples sind zu schnell eingespielt, der alternative Weg ist keine Herausforderung, sondern nur ein weiterer Mausklick-Fingerschnipp.

Das ist es, was im Hamburger Bahnhof in Berlin kürzlich zu fühlen war, weshalb er sich öde und dröge anfühlte (die Rentiere von Rehberger waren weitergezogen, und nur die alten Hirsche Twombly Warhol Naumann Long versahen den Job, zusammen mit den staubigen Kriegern aus der Flick Collection), und das machte auch ein Sommerfest der Kunstakademie hier in Nürnberg kürzlich so schal. Alles ist da – und es hat seine Bedeutung verloren.

Lähmendes Entsetzen über Begrenzung des Stoffes, die Beschäftigung aller nur mit sich selbst. GIBT ES NICHT ETWAS GROSSES ZU EROBERN, DA DRAUSSEN? Müssen wir denn nicht irgendwie irgendwann mal weiter von hier – es ist zwar nett im Windschatten des Industrie- und Technikzeitalters, das metallisch knirschend untergeht in die sich wieselnd anbietenden Servicewelten aus Silikon. Aber Stagnation im raubkopierten Überschuss ist auf Dauer unerträglich. Der Fluch des copy & paste – holt er uns jetzt endlich ein?

Halt. Es geht weiter. Von den Rändern her, wie bei der Schlange am Abfertigungsschalter. Temporär, prekär, zwischengenutzt. Deshalb bricht Jetztgefühl bevorzugt in den sieben Tage lang für ein wahres beast von jetzt! namens B EAST geöffneten Hallen im Nordostpark von Nürnberg aus, und dreht sich zum Abschluss eine trashklanggefüllte Nacht lang im Kathedralenraum des Heizwerkes. Auf Wolkenkissen hören einige Glückliche, wie sich ein Klang der Zeit inmitten einer an Zeichen reichen Umgebung anfühlt.

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YEAH! Neugier siegt. Routine verliert.

Aber – warum hat das schon immer SO ausgesehen?

Naja, ein paar Fragen aufheben für morgen…

Besuch bei Verbündeten: Kunst // Teil 2: B EAST

1. August 2011

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Kunst am Nullpunkt? Aber HEY – warum sieht es hier nach Abenteuer aus, und warum ist es so kurzweilig, die 3500 Quadratmeter von B EAST, dem temporären “Kunst- und Kulturunternehmen im Nürnberger Nordostpark”, unter die Füsse zu nehmen?

Es liegt am Dialog, den 14 Kunststudenten unterschiedlichster Fachrichtungen  mit den Gebäuden führen, den sie aber auch untereinander aufrecht erhalten. Der Funke springt über. Du wippst in den Knien vor Vergnügen, während du durch diese mal sorgfältig, mal grobmotorisch angereicherten Werkhalllen gehst.

Woher kommts?

1. Nicht allzuviel Plagiat. Entspannter Umgang mit dem Problemkind Kunst.

2. Diese Hallen erden die Ideen.

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STRAUBE, “O.T.”, an die Wand des Lastenliftes genagelt. Mmmhhhh. Subtil. Und auch nicht. Gut so.

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Und auch das, HARTEL “BROSCHE” – schillernd zwischen Gesicht und Landkarte – ist fetzig, weil es im Lastenlift ausgestellt ist. An der Stelle, an der in Restaurants das Menu des Restaurants angepriesen ist.

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Das hier setzt ganz woanders an. ENGELBERG, “GOLDENER SCHNITT”: Wo gehobelt wird… Nicht so subtil. Auch gut so. Die Säge steckt noch in der Wand.

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RITTER, “PAAR. Stell dir einen Ort vor, an dem du dir die öligen Hände wäschst. Es riecht nach Waschpaste. Arbeitskleidung. Erste Hilfe ist nicht weit. Oder doch?

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Nest: Brut oder Widerstand. WAGENKNECHT “STUFF SÄULE”

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HILD / KIRSCHNER “PETUNIA EXPRESS”. In einer gefährlichen Region unterwegs, rummelig-rammelig, und dank Glücksengel nicht aus der Kurve geflogen…

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AHNERT “RAUMZEICHNUNG”. Die Kathedrale in der Westentasche. Kunst ist, im besten Fall, auch die Wissenschaft von der Wahrnehmung. Sensationell – und sieht hier gar nicht so aus, oder? (Stell dir folgendes vor: Das Licht geht aus, und nur die fluoreszierenden Linien sind sichtbar. Die Wandbemalung der Zelle implodiert zu einer grenzenlosen Raumerfahrung). Sehr cool.

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Das ist ganz am Ende das Rätsel: Warum wirkt die Mischung aus NOISE, INDUSTRIERUINE, FLASCHENBIER und FALLENDER NACHT so tiefentspannend? Wie Raketen gehen die neu verknüpften Neuronen ab, und RÜCKKOPPLUNG ist keine Last, sie ist Lust am Entgleisen aus der Perfektion.

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Neue Medizin auf alten Wasserwegen | MS Wissenschaft

29. July 2011

Die MS Wissenschaft, ein ebenso traditions- wie erfolgreiches Vehikel zur Wissenschaftskommunikation , ist wieder auf Deutschlands Kanälen unterwegs. Thema 2011: Neue Wege in der Medizin. Kurzer Check der seetauglichen Interaktionen an Bord des Propaganda-Schiffes…

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Mechatronik vs. Touchscreen
Wie man an den wenigen auf “echter Physik” basierenden Experimenten sieht, ist der Dauerbetrieb auf dem Schiff mörderisch für Mechaniken. Und gerade die oft gesuchte Partikel-Simulation mit Bällen oder leichten Schaumstoff-Körpern und Gebläsen nutzt sich rasend schnell ab. Ausweg: im Vorfeld monatelang mit Prototypen hantieren. Und mindestens fünf Schulkassen vorab anbranden lassen.
Kehrseite: die Screens spriessen wie die Pilze. Schade eigentlich, denn das bedeutet Verlust an haptischer Vielfalt. Chance der Screens: Stabil laufende, parametrisierbare Animationen, die beliebige Komplexitätsgrade haben können.

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Games vs. Content
Clever ist, ein ausgereiftes Spitzenprodukt wie die Wii-Konsole als Fitnessgerät in den Kontext “Neue Wege in der Medizin” zu stellen.

Weniger clever ist, ein rasantes Spiel wie die “Virenschleuder” zu konzipieren und aufzustellen – wenn als Botschaft bleibt, dass man erstmal drei gleichartige Viren auflesen muss um sie dann auf einen Schlag loswerden zu können. Unsere Lebenserfahrung spricht dagegen, dass das der Weg ist, den die Infektion nimmt.

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Was bleibt?
Echte Erfahrungen, vom Schlage des “Alterungs-Simulators”, in dem mit Metallhandschuhen die im Alter abnehmende Beweglichkeit der Hand  z.B. beim Knöpfen simuliert wird. Oder die Herzschlag-Trommel im Eingang, die den Besucherpuls in (erstaunlich unregelmässige…) Trommelschläge umsetzt.

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Und auch die Erfahrung der Mikroskop – Blicke auf den fein geschnittenen Axolotl bleiben haften (wenn man die Geduld aufgebracht hat, sich auf die Optik einzulassen).

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Was nicht bleibt ist beispielsweise der Vergleich der Grundstoffe des Aspirin auf molekularer Ebene – auch wenn er in 3D zu betrachten war: zu viele Fachbegriffe, die wieder durch Fachbegriffe erklärt werden. (Beachten Sie das Kleingedruckte).
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Was man mal machen könnte…
Kombination super-einfacher Echtwelt-Erfahrung (Bausteine, Handschuhe, Luftkanäle, …) als open-ended Experimente (ohne Zwang zum vollautomatischen Reset) mit dem jeweils spezifischen Inhalt eines Forschungsprojektes verbinden.

Dabei müssen es die Forscher aushalten, dass ihre Forschung nur auf den erinnerbaren  Kern reduziert auftaucht.

Und was toll ist auf der MS Wissenschaft 2011…

…dass man an Bord atmen kann, dass nicht alles vollgestellt ist mit (noch mehr) Information, und dass Dank grosser Farbkleckse über Boden, Wand und Decke fünf unterschiedliche Zonen entstehen. Denn wieviele Dinge waren das nochmal, die unser Gedächtnis halbwegs mühelos behalten kann?
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Besuch bei Verbündeten: Kunst // Teil 1: Akademie Nürnberg

10. July 2011

Ab und zu ist es an der Zeit, seine Verbündeten zu besuchen. In diesem Sommer: Besuche bei der Kunst. Wie steht sie da? Womit beschäftigt sie sich? Wohin geht sie? Und im Zentrum: Wozu inspiriert sie?

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Station eins: Kunstakademie Nürnberg, Sommerfest – ein Streifzug durch die Ateliers, an einem tropischen Sommerabend, unter leisem Tröpfeln aus dunklen Wolken. Ein Lagerfeuer in einem der Höfe, Deep Purple im anderen – Sep Rufs Architektur aus den 50ern ist ideal für die facebookisierte Welt, denn sie bildet Nischen für jeden Geschmack. Vor dem grossen stillen und dekorativen Hintergrund der stadträndischen Natur.

Malerei: Für alle die heute malen habe ich Respekt. Schon zehnmal wieder hochgezogen sieht es im Moment endgültig düster aus für die zweidimensionale Abbildung der Welt in Öl, Tempera oder Acryl. Kein Tabu, das noch gebrochen werden kann, keine Konvention, die noch zu sprengen wäre. Nur noch Handwerk, oder Killerinstinkt, führen weg von der Selbstreferenz.

Das muss unlustig machen, und so kommt auch noch der Humor abhanden. Ersetzt durch aalglatte Ironie.

Dürer würde heute nicht malen, sondern Unternehmen gründen, die atemberaubende Apps programmieren und schicke Geräte liefern, mit denen man 3D direkt auf die Netzhaut zeichnet.

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Plastik: gewinnt dank Papier. Inspirierend die Papp-Suite, weil sie vom Lichtschalter bis zur Topfpflanze, vom Flachbildfernseher bis zum Kaminfeuer mit Eisbärenfell der Macht des Faktischen die Macht der Phantasie und des Selbst-Machens gegenüberstellt. Papierplastiken, weiss, und Gipsplastiken, auch weiss, auf Arbeitsgestellen. Tiefes Ausatmen. Irgendwo im Angenehmen angekommen.

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Marshall McLuhan hätte eine Bemerkung dafür übrig, warum die Begegnung mit dem weissen eleganten Objekt im Raum die Kränkung durch mp3 und digitale Konsorten (“wo ist der warme Sound der Vinyl-Lp?”) lindern kann.

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Hi-Tech: Die Gold- und Silberschmieden sind das heimliche Herz der Jahresausstellung – in den Werken vereint sich Formwollen mit Nutzenkönnen. Einfacher gesagt: Sie inspirieren zu Dingen, die kunstvoll, überraschend und brauchbar sind. Bei ihrer Konzeption spielen Intuition und Hi-Tech – Lasercutter, 3D-Plotter – eine beachtliche Rolle.

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Warum ausgerechnet die einzige deutsche Ausbildungsstelle für Geräteschmiede (in Nürnberg!) abgeschafft werden soll gehört zu den Rätseln des Abends.

ECSITE 2011: Freedom’s just another word… Das Netzwerk europäischen Science Center und Museen hat sich in Warschau getroffen

17. June 2011

“Freedom”

Das Thema für die jährliche Konferenz des Netzwerkes europäischer Science Center und Museen, die vom 26. bis 28. Mai in Warschau stattfand, war eine echte Ansage, an der sich die über zweihundert Beiträge und die Begegnungen während der Konferenz messen lassen mussten.

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 Bild: Was Maschinen alles können – Portraits von Ausstellungsbesuchern

Es ist vielleicht ganz einfach: Der Fluss Vistula, an dessen Ufer das neue Centrum Nauki Kopernik (der Austragungsort der Konferenz) liegt, ist ja auch frei und unbegradigt – möglicherweise hat die Episode des Hochwassers vom vergangenen Herbst, das die Eröffnung des Prestigeprojektes beinahe ins Wasser fallen liess, beim Finden des Tagungsmottos nachgewirkt. Unbändige Freiheit, das Verlassen von eingefahrenen Wegen, die Gewalt des Faktischen, eine Prise (R)evolution in der Luft – tolle Voraussetzung für eine Neubegegnung mit alten Bekannten und neuen Gesichtern aus der grossen bunten Science-Center und Museums-Community!

Am ersten Tag bleibe ich zunächst hier hängen:

“Science centres and museums naturally tend toward trying to tell people facts, but this is not their strong point. Their strength is in creating memories, impressions, and inspiring their visitors. How can we create exhibits that work to these strengths?The Exploratorium started the trend of exploratory, open-ended exhibits with Active Prolonged Engagement (APE), and in the UK other centres are following suit and exploring ways to make exhibits flexible, rewarding and completely open ended. …”

 

Klingt interessant: Fakten sollen nicht die Stärke von Museen sein?! Kua Patten vom Exploratorium San Francisco legt in der Session “Freedom to Explore” vor. Den ganzen Beitrag lesen »

Von DO IT YOURSELF zu DO IT WITH OTHERS

29. March 2011

Innovation, Entrepreneurship und das ICH KANN! – Gefühl im April 2011

Warum machen wir Dinge? Wenn manchmal ausgerechnet das, was wir zum Überleben tun, ein totes Gefühl erzeugt (das tägliche Erscheinen bei der Arbeit, allfällige Rückschläge bei der Partnerwahl, Nahrungsbeschaffung in Supermärkten), dann lohnt es sich, den Blick dorthin zu lenken, wo ozeanische Freiheitsgefühle zuverlässig ihren Ursprung haben: beim Selbermachen.

Wie kommts? Nun, aus eigener Erfahrung weiss man, dass die grosse Diktatorin Zeit ihr Zepter ablegt und gnädig einen Schritt zurück tritt, wenn der Moment gekommen ist, an dem wir im Auftrag unserer selbst ans Werk gehen.

Ein Beispiel? Also Kochen! Wenn die Zutaten für das Boeuf Bourguignon in der Küche ausgebreitet bereitliegen, steht der Zusammenbau eines Essens bevor. Die Komposition eines Abends ist im Gange. Der Weg ans Ziel ist mit dem Rezept vorgezeichnet, die Physik des Kochens wird einigermassen zuverlässig ablaufen und der eigene Beitrag dazu hebt, je nach Tagesform und Routine, das Resultat mehr oder minder vom Durchschnitt ab. Wir sind Chef.

ICH KANN also aus Zutaten, die heute morgen zusammenhanglos auf dem Markt waren, am Abend ein tolles Essen zaubern. ICH KANN aber noch mehr – mit dem Gemüsebauern über die Qualität der Salate reden, und mit meinen lieben Gästen rede ich über das tägliche Erscheinen bei der Arbeit, allfällige Rückschläge bei der Partnerwahl und die Untiefen der Nahrungsbeschaffung in Supermärkten…

Ich könnte allerdings auch den Schlusssatz von Peter Sloterdijks letztem Buch “Du musst dein Leben ändern” in die erstaunte Runde werfen. Der lautet Unter den Ordensregeln der globalisierten Zivilisation leben zu wollen würde den Entschluss bedeuten: in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens anzunehmen. Starker Tobak. Ich könnte mich ausserdem mit meinen Gästen des Abends fragen, weshalb der Film “Wer wenn nicht wir” so viele Fragen aufwirft über Leben in Gesellschaft (Bernward Vesper und Gudrun Ensslin, und Andreas Baader in einer todbringenden Autoimmunreaktion gegen einander und gegen die Gesellschaft um sie herum; mit dem Untertitel “Taten statt Worte”. Was für Taten!).

Das Gespräch würde vermutlich an dieser Stelle stagnieren – denn Fundamentalismus raubt Illusionen, und gute Gespräche sind abhängig von lockeren Rändern.

Wieder in Gang kommt die Unterhaltung durch wilde Assoziationen von Selbermachen mit Joseph Beuys’ Jeder Mensch ist ein Künstler und seiner Honigpumpe am Arbeitsplatz auf der documenta 6 (er präsentierte sie als soziale Plastik in Kassel, 1977). War diese Pumpe, unter der er sass, während er mit den Besuchern diskutierte, nicht einfach ein wunderbarer Anlass für Gespräche? Und ist ein 3D Plotter, der die Pforte von der virtuellen zur echten Welt bewacht, nicht heute ein ebenso guter Anlass für eine gemeinsame Reflektion?

Denn eines zeichnet sich ab: mittendrin in der facebookisierten globalisierten Gesellschaft sind Erlebnisse, die Menschen in direkten Kontakt zueinander bringen über Themen, die sie selbst betreffen, so etwas wie der Strand unter dem Silizium, mit dem unsere Kommunikationswege gepflastert sind.

ICH KANN! im April ist ein Ort, an dem die Losung DO IT YOURSELF, die seit den späten Sechzigern durch die industrialisierten Gesellschaften hallt und sie in einen durchs frühe Internet nicht gerade gebremsten Individualismus-Kult geführt hat, durch ein klares DO IT WITH OTHERS ersetzt wird.

DIWO ist die soziale Skulptur von Joseph Beuys, ist das Fab Lab als Idee und location im Stadtbild, und war vielleicht sogar die Sehnsucht der Studenten von 1968. Es ist jedenfalls ein Ort, an dem man sich wirklich (nicht nur virtuell) treffen kann, an dem aber auch die Fibern des (sozialen) Inter-Netzes enden und in beide Richtungen übertragen. Es ist die Stelle, an der eigene Ambition auf noch unbekanntes Wissen trifft, und an der nicht “How much?” sondern “How cool!” zu hören ist.

An Innovationen entzücken nicht die Innovationen selbst, sondern die Kraft, mit der sie sich in Gesellschaften fortpflanzen. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie am Markt Fuss fassen. Wirtschaftlichkeit allein, der Profit, ist nicht mehr geeignet, ihren Erfolg zu erklären. Innovationen kommen durch die Hintertür, cool and slow with plenty of precision, um es poetisch in den Worten des kalifornischen Innovationspragmatikers Jim Morrison zu sagen.

Die Neue Entrepreneurship wäre eine, die sich am ICH KANN! – Moment als dem alle Menschen verbindenden Gefühl von Lust am Gelingen orientiert, die sich dabei aber weder im digitalen subjektiven Allmachtsgefühl des Computernerds verliert noch im Denken des Kaufmanns alter Prägung, der Geschäfte strikt unter Ausschaltung des Herzens erledigt.

Deshalb: Probierts mal mit Selbermachen, Selbermachen mit den Anderen.

Volkssternwarte

27. April 2010

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Es war nicht der Tag für lange Erklärungen. Raus aufs Dach, unter den von allen Flugzeugen gesäuberten Münchner Himmel. Die Kuppeln sind aufgeschoben, die Teleskope steil nach oben in die Nacht gerichtet. Rotes Licht sickert aus einem Container, so als hätte David Lynch hier einen vorbeiwehenden Traum skizziert.

Sekunden später ist meine Welt nicht mehr wie sie war. Während das Auge ans Okular geheftet ist, das seitlich aus dem ziemlich umförmigen, an eine mittelalterliche Geheimwaffe erinnernden Fernrohr ragt, zieht mich ein Lichtpunkt mitten im Schwarz durch das Beobachtungswerkzeug und schleudert mich einen Haufen Lichtjahre weit in Richtung des Planeten Saturn, der sich immer deutlicher und immer schärfer da draussen abzeichnet. Aus einem Krümel auf der schwarzen Bettdecke des Universums ist mit einem Mal ein Juwel geworden. Der Ring mit dem Planeten, der Planet mit dem Ring – alle Bilder, Filme und Illustrationen, alles was ich je über ihn gehört oder gesehen habe, ist präsent – um gleich darauf wie im Strudel einer auslaufenden Badewanne unleserlich zu werden und spiralig verzerrrt in die tiefer gelegenen und zur Flutung freigegebenen Stollen meines Bewusstseins ausgelagert zu werden. Platz für das Original! Ich seh ihn, und er sieht mich. Saturn – ziseliert und zitternd vom Münchner Bierdunst hoch über den Dächern.

Welch Kontrast zur Vortrags-Bauernstube, in der ich noch Minuten zuvor Teil einer Szenerie war, die von Hieronymus Bosch gemalt zu sein schien. Wissenschaft und Gottesglaube, aus Ölfarbe getürmte oder mit zitronenfarbenem Pullunder und V-Ausschnitt in den Raum gestellte persönliche Weltbilder umkreisen sich auf der Bühne der Volkssternwarte erst respektvoll und dann, mit sinkendem Sauerstoffgehalt der Luft, durchaus auch gereizt. Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?
Heute erst mal mit dem Aufzug nach unten, und dann an einen anderen Ort im schönen München, wo durchaus nett anzuschauende Menschen sich und das Leben feiern. Saturn, dessen Bild ich nun fest in meinem Herzen trage, steht derweil hoch über uns…

Wieder was gelernt #1 | 4. Februar 10, 17.00 Uhr, Gerberei 19

3. February 2010

Eine Reihe von Gesprächen rund um das Thema Erfahrung – Lernen – Wissen.
In lockerer Folge werden wir in diesem Jahr zu “Wieder was gelernt” einladen (wie sonst heisst sowas im Land der Dichter, Denker und – Lehrer…) – einer Mischform aus Vortrag, Gespräch und Workshop.

In unseren Räumen in der Gerberei 19 in Erlangen wollen wir dabei der Frage nachgehen, wie Erkenntnis entsteht und mit welchen Methoden man ihre Entstehung stimulieren kann. Die Prämisse ist, dass unsere Domäne “Museologie / Ausstellung” eng an andere Domänen der “Wissensvermehrung” (Schule, Universität, Forschung) angrenzt, ohne dass die Chancen von Wechselwirkungen und Grenzübergängen so ausgelotet oder genutzt sind, wie es möglich erscheint. Der Blick in die angelsächsischen Länder, aber auch Veranstaltungen wie die erfolgreiche Lange Nacht der Wissenschaften in der Metropolregion Nürnberg zeigen, dass es aufs individuelle Format ankommt und dass es sich lohnt, auf Initiative und Neugierde als Antrieb für Erfahrungsprozesse jeder Art zu bauen.

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Die brandeins hatte im November 2009 ein inspirierendes Titelblatt…

Oh, thank you great spirit *…

11. October 2009

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…es passiert nicht oft, und wenn es passiert, dann ist es unvergleichlich: Hier hebelt jemand gerade die Zeit aus den Angeln – läuft sie vorwärts, läuft sie rückwärts?

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Peter Heider und Florian Seyberth haben mit diesem kleinen Apparat die individuellen Rhythmen der Gäste einer Herbstnacht synchronisiert, und jetzt fängt Spaceship “Transfer” an, zu schweben. Magnifique…

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Mehr von den Begegnungen unter dem Licht ferner Sterne (darunter Proxima Centauri, Riegel, Betelgeuze und die SONNE) demnächst…

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Ach ja, und welche Band hat unter diesem Titel *) in den Siebzigern eine furiose Klangpille verpackt?

Zu gewinnen ist eine Nachtbesteigung des Walberla**) mit unverstelltem Blick auf die Milchstrasse.

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**) sagenhafter Berg, am Eingang zur Fränkischen Schweiz