Low tech – high impact: Johannes Calvin, Hugenottenkirche Erlangen

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Seit gestern ist eine der radikalsten Ausstellungen zu sehen, die wir je gemacht haben. In der Hugenottenkirche in Erlangen stehen zwanzig vom Sturm der Reformation gebauschte Segel.

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Sie sind mit kurzen Zitaten des Reformators Johannes Calvin beschriftet, die in ihren Überschriften auf Kapitel in ausliegenden Readern verweisen.

Calvin, vor genau 500 Jahren in Noyon/Nordfrankreich geboren, hat sich zu universellen Themen wie “Ehe”, “Freundschaft”, “Tod”, “Widerstandsrecht”, “Gewaltlosigkeit” geäussert. Aber eben auch zum Kampf um den richtigen christlichen Glauben …

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Die Präsentation wertet nicht – sie öffnet plakativ Türen in ein mächtiges Lebenswerk.

Eingeleitet wird die Parade von einem Zitat Martin Luthers (Calvins Rivale im Reform-Rennen), das mit bestürzender Offenheit beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn ein Medium wie der frisch erfundene Buchdruck die Gewalt über die Botschaft gewinnt:

“Es war weder meine Absicht noch mein Wunsch, sie [die 95 Thesen] zu verbreiten. Vielmehr sollten sie zunächst mit wenigen, die bei uns und in unserer Nähe wohnen, disputiert werden, damit sie nach dem Urteil mehrerer entweder verworfen und vernichtet oder gebilligt und veröffentlicht werden. Jetzt dagegen werden sie über meine Erwartung so häufig gedruckt und übersetzt, dass mir dieses Erzeugnis leid ist.”

Erinnert das nicht an den Moment, in dem man begreift, dass man gerade eine Email an den falschen Empfängerkreis verschickt hat? Diese Momente plötzlicher Erkenntnis haben wir zusammen mit dem Arbeitskreis Calvin der reformierten Kirchengemeinde in Calvins Texten gesucht und gefunden.

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Dringlichkeit des Anliegens, Kürze der Formulierung, Schnörkellosigkeit der Erscheinung – aus der Sprache Calvins lassen sich die “CI-Eckdaten” einer Calvin Präsentation ableiten. Einfache Materialien (Papptafeln, Pulte aus Seekiefer) sind weiss übertüncht, damit sie ihrem Zweck dienen: Sie tragen das Wort. Das Wort ist gut lesbar und scheint sich zu bewegen, um die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen.

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Was wir bei Calvin nicht entdeckten – den Humor – (war da keiner oder hat man ihn damals nur nicht mitstenographiert und gedruckt), haben wir dann noch selbst beigesteuert: Vier Calvin Portraits, auf deren verspiegelten Rückseiten man sich selbst augenzwinkernd begegnen kann.

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Geschätzte Kosten: unter 2.000 EUR; tatsächlicher Wert: mindestens 20.000 EUR. Lernen von Calvin…

3 Reaktionen zu “Low tech – high impact: Johannes Calvin, Hugenottenkirche Erlangen”

  1. Ine

    Hallo,
    Ausstellungen sind doch (fast) immer Herzensangelegenheiten!
    Kann ich eine persönliche Führung bekommen?
    Grüße,
    Ine

  2. admin

    Hello Ine – Ausstellungen erklären sich doch (fast) immer selbst! Geb ja zu, dies ist ein besonders kritischer Fall. 90% Text – eigentlich macht man das nicht. Erste Reaktion meines “partner in (exhibition) crime” Axel Hüttinger war denn auch: “people don’t read!”. Vielleicht muss man einfach nur Calvinist, oder zumindest Protestant sein, um sich in den Wortschwall hineinzubegeben.
    Davon abgesehen: schau es gerne mit dir an!

  3. alberto

    Ciao Jochen – toll gemacht. Hier würde selbst ich als fauler Brillenträger alles Wissenswerte aufnehmen. Gruss Alberto