Stil ’11 | Lebensgefühl als Sample

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The times they have no style – and anything goes is dead.

Wie lange musst du zurückdenken, bis du auf eine Zeit stösst, in der die Musik, die Kunst, die Kleidung und das Lebensgefühl aus einem Guss waren? Zwanzig Jahre? Mehr?

Was ist geschehen, wann hat sich das Glücksgefühl, zum Bersten kontemporär zu sein (es sein zu können!), aufgelöst? Wo ist die Chance, “zum Herzschlag der besten Musik” (Fehlfarben in “Das war vor Jahren”), zu tanzen?

Die moderne Kunst (= die Kunst von heute) und die Musik heute sind an einem ähnlichen Nullpunkt. Anything goes, der joviale Unterhalter, ist krank geworden und hat sich zurückgezogen. Ohne A. goes allerdings fehlt der Enthusiasmus für die Bilder “aus der Hüfte geschossen”, und für die Musik aus dem Notebook. Es ist auf Dauer zu dünn, zu fiepsig, zu billig. Es ist zu hastig, zu enthusiastisch, zu beliebig.

Das Mischen der Stile aller Zeiten ist unerträglich geworden – und niemand kann mehr zurück. Denn wer kann sich noch erinnern, an einen reinen Stil, an einen Sound der Zeit? Selbst wenn man ihn prägen wollte, diesen Stil der Zeit – woher käme etwas, das an nichts erinnert, und das in seiner Kombination mit der Welt da draussen ein Gefühl purer Jetzt-heit hervorruft? Woran will man heute Zeitgenossenschaft erkennen? Was kann uns im Guten Schönen Wahren (= in der Domäne des eigentlich Nutzlosen, nur für Schöngeister zentralen) beweisen, dass wir nicht Wiedergänger der Hippies mit dem Sound der Rock’n’Roller in den Klamotten der New Waver sind? Oder Wandervögel mit dem Weltbild von Mitgliedern schlagender Verbindungen und dem Look von Existenzialisten?

Der Abstand zwischen den Tasten ist zu klein geworden. Die Samples sind zu schnell eingespielt, der alternative Weg ist keine Herausforderung, sondern nur ein weiterer Mausklick-Fingerschnipp.

Das ist es, was im Hamburger Bahnhof in Berlin kürzlich zu fühlen war, weshalb er sich öde und dröge anfühlte (die Rentiere von Rehberger waren weitergezogen, und nur die alten Hirsche Twombly Warhol Naumann Long versahen den Job, zusammen mit den staubigen Kriegern aus der Flick Collection), und das machte auch ein Sommerfest der Kunstakademie hier in Nürnberg kürzlich so schal. Alles ist da – und es hat seine Bedeutung verloren.

Lähmendes Entsetzen über Begrenzung des Stoffes, die Beschäftigung aller nur mit sich selbst. GIBT ES NICHT ETWAS GROSSES ZU EROBERN, DA DRAUSSEN? Müssen wir denn nicht irgendwie irgendwann mal weiter von hier – es ist zwar nett im Windschatten des Industrie- und Technikzeitalters, das metallisch knirschend untergeht in die sich wieselnd anbietenden Servicewelten aus Silikon. Aber Stagnation im raubkopierten Überschuss ist auf Dauer unerträglich. Der Fluch des copy & paste – holt er uns jetzt endlich ein?

Halt. Es geht weiter. Von den Rändern her, wie bei der Schlange am Abfertigungsschalter. Temporär, prekär, zwischengenutzt. Deshalb bricht Jetztgefühl bevorzugt in den sieben Tage lang für ein wahres beast von jetzt! namens B EAST geöffneten Hallen im Nordostpark von Nürnberg aus, und dreht sich zum Abschluss eine trashklanggefüllte Nacht lang im Kathedralenraum des Heizwerkes. Auf Wolkenkissen hören einige Glückliche, wie sich ein Klang der Zeit inmitten einer an Zeichen reichen Umgebung anfühlt.

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YEAH! Neugier siegt. Routine verliert.

Aber – warum hat das schon immer SO ausgesehen?

Naja, ein paar Fragen aufheben für morgen…

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