Low tech – high impact: Johannes Calvin, Hugenottenkirche Erlangen

13. July 2009

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Seit gestern ist eine der radikalsten Ausstellungen zu sehen, die wir je gemacht haben. In der Hugenottenkirche in Erlangen stehen zwanzig vom Sturm der Reformation gebauschte Segel.

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Sie sind mit kurzen Zitaten des Reformators Johannes Calvin beschriftet, die in ihren Überschriften auf Kapitel in ausliegenden Readern verweisen.

Calvin, vor genau 500 Jahren in Noyon/Nordfrankreich geboren, hat sich zu universellen Themen wie “Ehe”, “Freundschaft”, “Tod”, “Widerstandsrecht”, “Gewaltlosigkeit” geäussert. Aber eben auch zum Kampf um den richtigen christlichen Glauben …

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Die Präsentation wertet nicht – sie öffnet plakativ Türen in ein mächtiges Lebenswerk.

Eingeleitet wird die Parade von einem Zitat Martin Luthers (Calvins Rivale im Reform-Rennen), das mit bestürzender Offenheit beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn ein Medium wie der frisch erfundene Buchdruck die Gewalt über die Botschaft gewinnt:

“Es war weder meine Absicht noch mein Wunsch, sie [die 95 Thesen] zu verbreiten. Vielmehr sollten sie zunächst mit wenigen, die bei uns und in unserer Nähe wohnen, disputiert werden, damit sie nach dem Urteil mehrerer entweder verworfen und vernichtet oder gebilligt und veröffentlicht werden. Jetzt dagegen werden sie über meine Erwartung so häufig gedruckt und übersetzt, dass mir dieses Erzeugnis leid ist.”

Erinnert das nicht an den Moment, in dem man begreift, dass man gerade eine Email an den falschen Empfängerkreis verschickt hat? Diese Momente plötzlicher Erkenntnis haben wir zusammen mit dem Arbeitskreis Calvin der reformierten Kirchengemeinde in Calvins Texten gesucht und gefunden.

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Dringlichkeit des Anliegens, Kürze der Formulierung, Schnörkellosigkeit der Erscheinung – aus der Sprache Calvins lassen sich die “CI-Eckdaten” einer Calvin Präsentation ableiten. Einfache Materialien (Papptafeln, Pulte aus Seekiefer) sind weiss übertüncht, damit sie ihrem Zweck dienen: Sie tragen das Wort. Das Wort ist gut lesbar und scheint sich zu bewegen, um die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen.

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Was wir bei Calvin nicht entdeckten – den Humor – (war da keiner oder hat man ihn damals nur nicht mitstenographiert und gedruckt), haben wir dann noch selbst beigesteuert: Vier Calvin Portraits, auf deren verspiegelten Rückseiten man sich selbst augenzwinkernd begegnen kann.

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Geschätzte Kosten: unter 2.000 EUR; tatsächlicher Wert: mindestens 20.000 EUR. Lernen von Calvin…

Office Marlo war gut für…

1. July 2009

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… viele spannende Projekte (siehe unten). Seit wenigen Tagen arbeiten wir aus unserem neuen Büro in Erlangen heraus – blicken statt auf Hühner und Horizont in die urbane Peripherie und spüren, tja, den Puls der Stadt…

Was wir vom Land mitgenommen haben: Die Leidenschaft, für unsere grossen und kleinen Kunden wach und mit vollem Interesse da zu sein.

Immer einen Schritt besser – und wenn er klein ist: Das ist ein passables Rezept, sich im Kern treu zu bleiben und dennoch weiter zu entwickeln. Originale (und originelle) Ausstellungen, Auftritte und Erlebnisse entstehen auf diesem Weg.

Wir wünschen uns viele neue Schritte, mit unseren Kunden und mit unseren Partnern!

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Office Marlo(ffstein) was good for many exciting projects. Since a few days we are operating from our new homebase in Erlangen – having exchanged the rural setting and horizon for -well- an urban beat…

What we took with us: The passion to be fully present for our bigger and smaller clients.
To improve things one step, each time we do them, turns out to be a good recipe for moving forward without losing identity. This way exhibitions, interactives and branded environments get an original and unique touch.

May there be many new steps to do with our clients and partners!

Famous storms im Field Museum, Chicago

1. July 2009

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Nature unleashed:
Famous storms

Field Museum of Natural History, Chicago, 2008

Das Field Museum zeigt bis zum Januar 2009 eine Ausstellung zum Thema “Entfesselte Natur”.
Es geht um Naturkatastrophen und ihre
Auswirkungen auf den Menschen, aber auch um die Rolle des Menschen beim “entfesseln” der Natur.

Das Exponat “Famous storms” ist eine Touch-screen Anwendung, die den Besuchern die komplexen Auslöser für katastrophale Sturmfolgen in den letzten hundert Jahren verdeutlicht.

Auftragsvolumen: 15 TEUR

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Nature unleashed: Famous storms

Field Museum of Natural History, Chicago, 2008

We were commissioned “Famous storms” in October, 2007. It is part of the touring exhibition “Nature unleashed” which openend in May, 2008, in Chicago.

The touch screen application uses selected examples of storms to show how human activity affects the desastrous outcomes of storms.

Size of an order: 15 k EUR

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Séismes et Volcans im Palais de la Découverte, Paris

1. July 2009

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Séismes et Volcans
Palais de la Découverte, Paris, 2007

Eine interaktive wissenschaftliche Themenausstellung über Vulkane, Erdbeben und die Dynamik im Inneren der Erde. Gemeinsam mit der Firma Kurt Hüttinger GmbH & Co KG in Schwaig (Auftragnehmer) als Design & Build Projekt ausgeführt.

Die Exponatideen kommen zu einem grossen Teil vom wissenschaftlichen Team des Palais de la découverte und werden von Hüttinger umgesetzt. Unsere Aufgabe ist das Einbetten der interaktiven wissenschaftlichen Exponate in einen attraktiven und stimulierenden Kontext.

Künstlerische Beiträge zur Szenographie entstehen direkt in Paris. Die Ausstellung ist modular konzipiert, sie reist im Moment in Frankreich (Bar Le Duc, später La Réunion) und wird teilweise in die permanenten Sammlungen des Museums übernommen werden.

Gesamtbudget: 310 TEUR
Fläche: 250 m2

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An interactive scientific exhibition on the topic of volcanoes, earthquakes and the dynamics at the center of the earth.
True experiments taken from scientist’s labs, around thirty interactive exhibits and strong scenographic images are blended for an instructive adventure in the footprints of volcanologists and geologists.

Together with Kurt Hüttinger GmbH & Co KG we won the “design and build” contract at the end of 2006. After nine months of intense work with scientists and the cellule de renovation  from the Palais de la decouverte the exhibition openend in October 2007.
Conceived in a modular way it currently travels the French world, parts of it will be integrated later into the permanent galleries.

Budget: 310 k EUR
Surface: 250 m2
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Haus in Hamburg

1. July 2009

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Haus in Hamburg
Umbau / Komplettsanierung eines Hauses von 1900, HH Eimsbüttel, 2005-2006

Architektur – nur für Freunde. Wir bauen selten, dann aber mit viel Hingabe. Auf der Basis eines Entwurfes der Architektin Barbara Sellwig unterstrichen wir die puren Formen einer Hamburger Stadtvilla. Öffnungen im Dach und eine neue Treppenerschliessung auf der Gartenseite erhöhen den Nutzen des Traum-Schiffes für eine vierköpfige Familie.

Gesamtbudget: ca 360 TEUR
Fläche: ca 400 m2, incl. Freisitz

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Lernen von der Tankstelle | Museum 2008

20. April 2008

Jedes neue Museum heute muss sich an der nächsten Tankstelle messen: Es muss einen präzisen Zweck erfüllen können, und für diesen Zweck gebaut oder hergerichtet sein. Es muss einen Nutzen für viele haben, es muss weit leuchten können, transparent und attraktiv aussehen. Es muss neben Treibstoff mehrere Angebote haben, die man insgeheim erhofft, aber nicht unbedingt erwartet, und die sich wunderbar ergänzen. Es muss sich um Verständlichkeit auf allen Ebenen bemühen, denn viele Inhalte sind explosiv. Und schliesslich sind alle Funktionen in höchstem Masse interaktiv: Die Tankstelle ist “Hands-on”, zum Selberanfassen, um einen wichtigen Terminus des aktuellen Wertekanons für wissenschaftlich inspirierte Ausstellungen ganz unverblümt aufzugreifen.

Und vielleicht muss das neue Museum von heute sogar, ähnlich wie die Tankstelle, seine Ausrichtung, seine Geschäftsidee verändern können, für den Fall, dass sein Treibstoff nicht mehr im Zentrum der Nachfrage steht…

An einer Stelle hinkt der Tankstellenvergleich allerdings: Museen waren schon immer ein Überflussprodukt. Museen waren Orte, an denen etwas gezeigt wurde, das entweder aus dem echten Leben zu verschwinden drohte, oder dort immer schon einen schweren Stand hatte. Man hat sich an diese Sicht gewöhnt – bis hin zur Annahme von vielen, dass der Ort für Kunst(-präsentation) das Museum sei.

Museen sind in Wirklichkeit Über-Orte, an denen die Schädeldecke platzt und das Bewusstsein für Momente Nirwana-ähnliche Erleuchtungsstufen erreichen kann. Museen können das. Man hat sich abgewöhnt, das von ihnen zu erwarten. Es ist an der Zeit, sich darauf zu besinnen, dass Zivilisation nicht mehr und nicht weniger als den Übergang von der Not in Formen von Überfluss darstellt. Wann immer das Fressen geregelt war, und sobald der wahlweise hetzende oder gehetzte Körper an einem geschützten Platz und im Licht ruhen konnte, hat der Mensch sich mit unnützen Dingen wie Skulptur und Malerei beschäftigt, und sich von Schönheit (ver)führen lassen.

Das Museum der Zukunft (bzw der Gegenwart, denn wir leben ja heute) verbindet den Pragmatismus der Tankstelle mit dem Überfluss der Zivilisation.

Tour d’horizon: Typen von Museen

Um das Wissenschaftsmuseum neuen Typs noch ein wenig genauer orten zu können, ist eine Spritztour in die Museumslandschaft und in die angrenzenden Gebiete medialer Wissensvermittlung hilfreich.

Es gibt die Tempel für die Hochkultur und ehrwürdige Sammlungen, kristallisiert in endlosen Reihen von Vitrinen, die zu Wahrzeichen ihrer Städte geworden sind und die von den Massen konsumiert werden wie ein Hamburger oder ein Radiohit. Es gibt eine zweite Reihe solcher Institutionen. Dort wird harte Arbeit gemacht. Denn Louvre oder ein MOA sind Selbstläufer. Über die Funktionsweise der zweiten Riege (unter die beispielsweise das Neue Museum in Nürnberg fällt) wollen wir noch sprechen. An anderer Stelle.

Als nächstes sehen wir jede Menge liebenswerte Stadt- und Landmuseen, zu möglichen und unmöglichen Themen, immer ein wenig im Schatten, immer mit (zu) geringen Budgets hantierend, immer mehr oder weniger in der nicht uninteressanten Rolle des lokalen historischen (kritischen) Gedächtnisses. Das sind Menschen-Museen, weil sie ohne diejenigen, die sie aufgebaut haben und unterhalten, oder ohne die, welche dort zum Inhalt beitragen, einfach nicht existieren würden. Über diese Gruppe liesse sich viel sagen – etwa, dass es Juwelen gibt wie das kleine Nagel(!) Museum im verlorenen Ort Forno di Zoldo im gleichnamigen Dolomitental. Authentisches Gebäude – Originale – gutes Licht – ansprechende (grafische) Präsentation – Funktionsmodelle – Augenzeugenberichte. Ein Traum.

Kommen wir zur Familie der Science centres, die angelsächsischen Pragmatismus auf die romantische Museumskonzeption Resteuropas anwendet und die damit spätestens seit dem Milleniumswechsel in Europa auf breiter Front Boden gut macht. Dabei ist es interessant zu wissen, dass schon seit 1888 in Berlin Orte wie die Urania existieren, an denen Wissens-Theater, Sterngucken und physikalisches Kabinett gekreuzt werden. Werner von Siemens befand sich übrigens unter den drei Gründern der Urania.

Und auch das vom Ingenieur Oskar von Miller in München 1903 initiierte Deutsche Museum, das sich als gebaute “Enzyklopädie der Naturwissenschaften und der Technik” versteht, hat schon 63 Jahre auf dem Buckel, als der Physiker Frank Oppenheimer 1969 in San Francisco das Exploratorium gründet, das sich als Führer einer Bewegung “informeller Lernorte” sieht.

All die genannten dreidimensionalen “Wissensmaschinen” stehen heute dem vor Informationen berstenden Internet gegenüber, das man nur anzupieken braucht, um mit Wissen kontaminiert zu werden (oder zumindest mit etwas, das so aussieht wie Wissen). Wir haben bis jetzt noch nicht von den Discovery channels und RSS-Feeds dieser Welt gesprochen, die man in jede verästelte Wissensdisziplin hinein abonnieren kann, um an das zirkulierende Wissen angeschlossen zu bleiben.

Jedes der angesprochenen Modelle, Wissen zu bündeln und in Lernerfahrung umzuwandeln, hat seine spezifische Ausrichtung und Wirkungsweise, und zielt auf ein spezifisches Publikum.

Mehr denn je muss das Wissenschaftsmuseum beweisen, wofür es steht, was es kann, was es auszeichnet. Härter war die Konkurrenz noch nie – und klarer konnte noch nie ein Erfolgsrezept formuliert werden:

Bringt handgreifliche Erfahrung in immersive Umgebungen, mit schneller Rückkopplung, unter Einsatz der neuesten populären Medien. Schafft Kontext mit Themen, die lokale Besonderheiten und universelle Prinzipien verbinden. Und habt Mut zur Lücke.

P.S.: Je länger wir über den Begriff Wissenschaftsmuseum nachdenken, desto lieber würden wir ihn ersetzen durch “Neugierdemuseum”. Das Wissenschaftsmuseum neuen Typs ist also ein Neugierdemuseum. Warum? Weil das Wort Neugierde im Museumsnamen hilft, die adäquate Perspektive einzunehmen: Das Museum ist weniger ein Ort, an dem Wissenschaft vorgeführt wird, sondern an dem Neugierde befriedigt wird. Noch besser wäre es, wenn das Museum diese Neugierde, einen universellen menschlichen Treibstoff, synthetisieren lernt. Museen, die keine Neugierde befriedigen, werden einen ganz schweren Stand haben, und solche, die Neugierde kreieren können, werden florieren. Florieren bedeutet: sie werden Teil einer stimulierenden Wissenslandschaft, deren Horizont sich zwischen Schulen, Universitäten, Unternehmen und Städten aufspannt.

Neugierdemaschine | Auf dem Weg zu einem Wissenschaftsmuseum in Erlangen

20. April 2008

Versprechen am Rand der Autobahn

Nähert man sich der Stadt Erlangen mit dem Auto, kann es passieren, dass man auf ein Schild am Strassenrand trifft, mit der Aufschrift “Erlangen – Medizin- und Universitätsstadt”. Botschaften am Strassenrand sind ein Mythos der boomenden Industriegesellschaft. Wir haben uns daran gewöhnt, dass mit der Zunahme der Transportgeschwindigkeit die Monstrosität der Werbebotschaften und gleichzeitig ihre Unüberprüfbarkeit zunimmt.

Haken wir da ein. Wodurch würde sie sich auszeichnen, eine Medizin-und Universitätsstadt im 21. Jahrhundert?

Ein Stadtratsbeschluss vom 14. März 2008 in Erlangen macht (wieder einmal) Hoffnung, dass das Versprechen der Stadt an die Vorbeifahrenden auch für den eingelöst wird, der abbremst, anhält, sich hier aufhält. Und der nach einer Antwort auf die oben gestellte Frage sucht.

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Das Ringen der Stadt mit einem Geschenk des hier beheimateten Weltkonzerns Siemens ist legendär: Im sogenannten Museumswinkel, dem ursprünglichen Standort der “Vereinigten physikalisch-mechanischen Werkstätten von Reiniger, Gebbert & Schall” (R.G.S.) soll seit über fünf Jahren ein Museum eingerichtet werden. Das hatte sich Siemens so ausgedacht. Und die Stadt hat ein Konzept dazu entwickelt: Forum Medizin – Kunst – Wissenschaft Erlangen.

Zugegeben, ein Museum mit 11.500 m2 zu errichten ist kein Klacks, und es zu betreiben erst recht nicht. Die Hochrechnungen waren entsprechend ernüchternd – 25 Millionen Euro für die Einrichtung und geschätzte jährliche Betriebskosten von 1,9 Millionen Euro sind schwer vermittelbar, und seien sie schon auf dem Konto, wenn sie mit Investitionen in (immer) dringende Infrastrukturprojekte oder (Aus-) Bildungseinrichtungen konkurrieren. In einer “calvinistischen Kommune” (so hat mir das eine Erlanger Museumsfrau mal gesagt) allzumal.

Es ist andererseits ein guter Teil städtischer Kultur, dass über die Verwendung von öffentlichen Mitteln gestritten wird. Es ist gut, wenn kurzfristiger und langfristiger Nutzen von Investitionen verglichen wird, und wenn “win-win”-Situationen angepeilt werden, neue Gleichgewichte, in denen es keinen gibt, der sich als Verlierer sehen muss.

Wir sehen Wege zu möglichen “win-win-win” Situationen. Aber Achtung. Es geht um ein paar Ecken.

Beginnen wir mit einer etwas brutalen Frage:

Es gibt doch schon so viele Museen – in Erlangen, in Nürnberg, in der ganzen Metropolregion. Brauchen wir wirklich noch eines mehr?

Wir brauchen kein weiteres mit öffentlichem Geld gebautes Museum, wenn sich dort die Standhaften des traditionellen Bildungsbürgertums mit ein paar Neureichen zurückziehen können, um ihr Kulturkonto (herrlicher Begriff des Philosophen Peter Sloterdijk) aufzufüllen. Diese Museen sind alle gebaut, und wir wagen die Prognose, dass die ersten davon bald abgerissen oder verkauft werden, weil niemand sie benutzen kommt. Dies vor dem Hintergrund, dass selbst die einstmals progressivsten und revolutionären musealen Orte, wie das Deutsche Museum in München, lieber heute als morgen einen Neubeginn hinlegen würden.

Ausgangssituation

Was ist die Ausgangssituation für ein einzigartiges Museumsprojekt in einer “nur” 100.000 Einwohner zählenden Stadt?

– Erlangen hat eine aussergewöhnliche wissenschaftlich-technische Tradition. Insbesondere auf dem Feld der Medizintechnik.

– Die Universität verfügt über bemerkenswerte Sammlungen, die bislang wenig zugänglich sind.

– Die Stadt ist Sitz von Siemens Medical Tech und ein Deutschlandsitz von Areva, dem Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und der französischen Areva Np.

Diese beiden Unternehmen prägen das wirtschaftliche Leben der Stadt spürbar.

– Zusammen mit der Universität und einem breiten Fächer von hoch spezialisierten “Zulieferern”, aber auch mit Unternehmen, die in ganz eigenen Feldern tätig sind, ergibt sich das Bild eines dynamischen Raumes, dessen kostbarste Ressource gut ausgebildete, weltoffene (irgendwie)und ihrer Region verbundene (auf jeden Fall) Menschen sind. Doch Ausbildung, Weltoffenheit und lokale Wurzeln sind nicht gratis. Wir kommen auf diesen wichtigen Aspekt zurück, wenn wir die Frage stellen, was ein neues Museum in Erlangen leisten muss.

– Wer hier lebt, lebt nicht nur auf dem Territorium der Stadt Erlangen: Seit April 2005 ist die Metropolregion Nürnberg – Erlangen – Fürth offiziell anerkannt. Die Stadt liegt damit zentral in einer der wirtschaftlich aktivsten Zonen Deutschlands. Im engeren Zentrum der Region leben etwa 2,5 Millionen Menschen, das Bruttoinlandsprodukt der Region beträgt schwindelerregende 103 Milliarden Euro.

– Allein diese wirtschaftlichen Attraktoren sorgen für Fluktuation und üben auch einen entsprechenden Sog aus. Aber es gibt auch noch Tourismus und Geschäfts-Tourismus (…wenn der Aufenthalt verlängert wird, weil das kulturelle Angebot stimmt).

Das Bild der alten Reichs- und Handelsstadt Nürnberg, die an den wichtigsten Nord – Süd Landverbindungen des Mittelalters lag, drängt sich auf. Zur besonderen Rolle Nürnbergs ein paar Worte:

– Nürnberg ist voller Kunstschätze. Mit dem Neuen Museum gibt es seit 2000 ein ausschliesslich der modernen Kunst gewidmetes Haus. Das Germanische Nationalmuseum, 1852 als Museum für “jede Art von Kunst und Kultur” im “germanischen Kulturraum” gegründet, ist ein atemberaubendes räumliches Konglomerat mit Sammlungen von Gebrauchsgegenständen und Kunstobjekten früherer Epochen, das damit den Begriff “Gegenwart”, anders als sein Name suggeriert, universell lebendig werden lässt.

– Aber weder Nürnberg noch die dritte grössere Stadt im unmittelbaren Umfeld, Fürth, besitzen eine ähnliche Ausrichtung in die Bereiche Medizin und Gesundheit wie sie Erlangen hat, ob historisch oder aktuell.

Das existierende Konzept

Das Konzept “Forum Medizin – Kunst – Wissenschaft Erlangen” zur Vorlage für den Stadtrat vom Juli 2004 sagt zu recht: “Basis sind die Pionierleistungen in Medizin, Medizintechnik und Wissenschaft in Erlangen und in der Region”.

Achtung also: die Kunst als eigenständigen Inhalt in die Ausgangskonstellation einzubauen, führt vom Weg einer präzisen Positionierung ab. Mehr hilft in diesem Falle nicht mehr, verwirrt aber mehr. Wie wir gesehen haben ist die Kunst in Nürnberg perfekt angesiedelt, dort soll sie weiter gepflegt, entwickelt und mit dem Image der Stadt verbunden werden. Was würde passieren, wenn Nürnberg, wenige Kilometer neben Erlangen, sein eigenes überregionales Wissenschaftsmuseum eröffnete? Es ist zwar verlockend, in Erlangen eine Trias aus Medizin, Kunst und Wissenschaft zu beschwören, erfordert aber titanische Kräfte (und entsprechende Sammlungen, und Budgets). Die Region ist zwar wohlhabend und fleissig, aber sie hat nur für ein grosses und überregional identifizierbares international positioniertes Wissenschaftsmuseum die Kapazität, nicht für zwei oder drei.

Vielleicht ist aber mit der Kunst im Titel etwas anderes gemeint. Die szenographischen Mittel in Museen können Kunst umfassen. Bezüge zur Kunst bereichern wissenschaftliche Ausstellungen, genauso wie Bezüge in die angewandte Technik. Sie helfen, Besucher auf ganz unterschiedlichen Ebenen zu begegnen und alternative Verständniskanäle zu öffnen.

Und deshalb ist ein populäres erfolgreiches Museum der Medizin und der Wissenschaft ein Museum, in dem nicht nur die Forschung und ihre Objekte vorkommen, sondern auch ihre Reflektion in der Musik und der Kunst.

Will man allerdings ein allzeit volles Haus, dann muss man noch etwas mehr tun: So viel wie möglich anfassbar machen, und so viele bewegliche Teile einbauen wie möglich. Besucherzahlen von Science centres, die ausschliesslich Hands-on Erfahrungen bieten, belegen dies eindrucksvoll. Wir kommen an anderer Stelle auf neue Museumskonzepte zurück, und auf unsere persönlichen Erfahrungen (und Vorlieben).

Das Erlanger Wissenschaftsmuseum hat als Projekt ein enormes Potential – und birgt beachtliche Risiken. Im folgenden einige Ausgangspunkte für die Entwicklung, wenn das Ergebnis “einzigartig” sein soll.

Am existierenden Konzept weiterschreiben.

Es geht bei einem Wissenschaftsmuseum Erlangen im Kern um Medizintechnik. Um Technikgeschichte, die in Erlangen und der Region geschrieben wurde, um Forschung, die hier geleistet wurde, und um die Biographien von Forschern, Gründern, Ingenieuren, Männern wie Frauen, die in Erlangen ihre Ideen entwickelt und verwirklicht haben. Und dies heute noch in grosser Zahl tun.

Das ist deshalb wichtig, weil Erlangen mit dem, was es der Medinzintechnik sowohl verdankt als auch gegeben hat, einzigartig darsteht. Der Ort ist im wahrsten Sinne des Wortes authentisch – und es sollte darum gehen, diesen Kern ganz fest ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Warum ist die Autostadt in Wolfsburg erfolgreich? Nicht zuletzt, weil sie in einer der aussergewöhnlichsten und reinrassigsten Auto-Städte steht, direkt neben den Schornsteinen.

Aber reichen authentischer Ort und inhaltliche Erdung aus?. Zum Zeitpunkt, an dem das Museum in Erlangen eröffnet, wird es von jedem Mobiltelefon aus möglich sein, die Meilensteine der Erlanger Technik- und Wissensgeschichte ad hoc und in Farbe abzurufen. Dafür baut man kein Museum. Dieses zweite Paradox des Museums, der Verlust seiner Funktion als Referenz (nach dem ersten Paradox, das darin besteht, dass die Dinge in der Ausstellungsvitrine aus ihrem alltäglichen Zusammenhang gerissen sind) lässt sich zur Stärke umbauen, wenn man über die Begegnung mit dem Original hinaus die Begegnung mit dem Material nicht scheut – im Sinne einer sinnlichen und persönlichen Erfahrung, die so nur an diesem Ort, der sich Museum nennt, gemacht werden kann. Es geht um Erfahrung und Überraschung und eigenes agieren in drei Dimensionen. Es gibt viele Namen dafür, denn das Thema hat eine erste Modewelle hinter sich: Immersion, Interaktion, Hands-on, Edutainment, ausserschulisches und informelles Lernen. Alles gut, alles richtig.

Das beste Beispiel für informelles Lernen ist der Tümpel am Waldrand. Mit seinen Fröschen und Libellen und Molchen und einem Floss drauf ist er die vielleicht aufregendste und prägendste Lernumgebung, die ein (junger) Mensch haben kann. Über dem Tümpel wölbt sich ein stahlblauer Frühlingshimmel, und manchmal versinkt die Szenerie unter einem Gewitterschauer. Die Luft duftet erdig, und nach Wasser. Alle Sinne sind in Aktion – perfekt!

Man müsste ein Wissenschaftsmuseum heute mit solch einem Tümpel im Sinn konzipieren, zumindest sein Interface zur Jugend hin mit einem ähnlich hohen Grad an Freiheit und Sinnlichkeit ausstatten. Unbestritten ist, dass selbst Erwachsene in Science centres eine Menge Spass haben. Oft mehr, oder anderen, als in staubtrockenen Galerien mit ordentlichen Erklärungstäfelchen an Vitrinen.

Wir sehen beide Wege durch das Museum: den Weg des Lexikons (aufsteigend, absteigend, alphabetisch, …), und den Weg des Schmetterlings (sich auf den Blüten niederlassen, die am stärksten anziehen).

Es ist auch gar kein Problem, ein- und dasselbe Exponat aus Kinder- und aus Erwachsenenperspektive gleichzeitig darzustellen. Es macht Sinn: Die Eltern bekommen einen kleinen Wissensvorsprung, den sie in exklusive Kommunikation mit dem Nachwuchs ummünzen können.

Und dann geht es doch um die Kunst. Die Kunst, Zusammenhänge zu stiften. “Kontext” ist das Stichwort. Wir sind überzeugt, dass man die Entstehung des Lebens auch im Zahnputzbecher darstellen kann, und atomare Kettenreaktionen mit der Spielkonsole Wii. Es ist eine Frage der Phantasie von Gestaltern, und der Bereitschaft von Wissenschaftlern, ungewohnte Übersetzungen aus ihrer Sprache in die Sprache der Laien zuzulassen, von denen sie, die Wissenschaftler, doch letztendlich auch ein ganzes Stück weit abhängen. Denn sie arbeiten mit öffentlichem Geld. Es ist gut, dass die Öffentlichkeit zur Forschung beiträgt, und nicht nur “interessierte Kreise”. Daraus ergibt sich ein Anreiz für die Forschung, Qualitäten als Entertainer, als Wissensunternehmer und als kritisches Bewusstsein gleichzeitig auszubilden.

Auch Unternehmen sind Museen, und Museen sind Unternehmen. Bei Anlässen wie der langen Nacht der Wissenschaften wird diese Tatsache immer deutlicher, hier verschwimmen die Grenzen: All das Know-How von (forschenden) Unternehmen, und all die Mittel, die sie zur internen Veranschaulichung und Kommunikation ihres Wissens entwickeln und einsetzen, rücken sie in die Nähe von Museen. Anders als Museen erwirtschaften sie allerdings in der Regel Gewinne. Gerade weil Erlangen eine Stadt der forschenden Unternehmen ist, könnte hier der unternehmerisch erfolgreiche Museumstypus besser als anderswo erfunden werden.

Wie? Da hilft ein Wechsel der Perspektive. Nehmen wir Siemens in Erlangen. Ein erfolgreiches Unternehmen, dabei, sich komplett zu häuten. Machte man für die Öfentlichkeit transparent, welche Verfahren und Methoden in welchen Prozessen unter diesem Dach zu Produkten werden, und wie diese Produkte zur Reife entwickelt werden; und liesse man das Know-how der Menschen, die aus allen Ecken der Welt hierfür zusammenkommen, real oder virtuell, aufblitzen: dann hätte man ein Wissenschaftsmuseum der anderen Art, einen lebendigen Wissens-Generierungs-Organismus im Blick. Ein Museum der neuen Art: Dynamisch, authentisch, im Fluss.

Wir sind überzeugt, dass moderne Unternehmen reif für eine solche Neuausrichtung sind. In spätestens 10 Jahren wird Europa fähig zur grossen Forschungs – Bildungs Konvergenz sein. Die Grenzen zwischen “Wissen schaffen” und “Wissen aufnehmen” werden verschwimmen. Warum? Weil das Produkt Wissen der neue Stahl ist: Endlos formbar, unglaublich vielseitig, verlässlich und gleichzeitig empfindlich, plötzlichem Versagen ausgeliefert. Wie Stahl ist Wissen eine Diva. Es braucht Opern…

Das klingt wie Science Fiction? Gut, auch wir wollen keine zehn Jahre warten, bis die osmotische Wissensmembran für forschende Unternehmen erfunden ist.

Deshalb bringen wir an dieser Stelle, aber nicht zuletzt, den Begriff “Gesundheit” ins Spiel: Es erscheint uns fast unmöglich, über Medizin und Wissenschaft zu sprechen, ohne die Gesundheit zu streifen. Denn nicht jeder braucht Medizin, aber alle brauchen Gesundheit. Und da gelangen wir zu einem nicht ganz unwichtigen “Geschäftsfeld” eines auf Medizin ausgerichteten Wissenschaftsmuseums: Aufklärung darüber, wie man sich Gesundheit sichert und wie man Gesundheitsvorsorge betreibt, kann unterschwellig und sehr unterhaltsam, quasi homöopathisch verabreicht werden. Oder sind wir uns zu gut, von Nintendo, der japanischen Spieleschmiede, zu lernen? Sie lässt in eine Folge von körperbetonten Spielen mit der bewegungssensitiven Wii Konsole immer wieder die Frage einstreuen, ob man nicht vielleicht kurz unterbrechen und die Fenster ein wenig öffnen will. Ist das übertrieben?

Der japanische Architekt Toyo Ito hat in seinem meditativen Themenpark Pavillon zur Gesundheit auf der Expo 2000 in Hannover einen weiteren Eingang in das Thema gezeigt. Seine sanft wiegenden Liegestühle, am Ufer eines Wassers, strahlten inmitten einer wildbewegten Umgebung Wohlbefinden aus. Sie öffneten das Bewusstsein so weit, dass es möglich wurde, sich Fragen nach der eigenen Verfassung zu stellen, zu sich zurückzukommen, obwohl man auf die Expo gegangen war.

Wenn die Besucher einer Publikumsattraktion neben der Unterhaltung als Mehrwert noch individuell Verwertbares für ihren gesunden Alltag mitbekommen, dann sind wir der am Anfang des Gedankenganges beschworenen win-win Situation ein ganzes Stück näher gekommen.

Ein Nachmittag im kollektiven Unbewussten der Apollo Generation – wir waren auf der FedCon XVII in Bonn

20. April 2008

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Erinnern wir uns: Käpt’n Kirk und seine multinationale Einsatztruppe, unterwegs in den menschenleeren Weiten der Galaxis. Ein Leben, das sich im phänomenalen Schub des Warp-Antriebes abspielt, und dessen einzige externe Bedrohung in unangenehm anzuschauenden und einen sehr unverständlichen Dialekt sprechenden Fremdwesen namens Klingonen besteht.

Ansonsten erinnern wir uns an gelebte Völkerverständigung (nun ja, die Schotten und die Ärzte, die bekamen ihr Fett weg), und an ein tiefes Bauchgefühl, dass es alles insgesamt schon in die richtige Richtung geht.

So weit das Radiogramm unseres kollektiven Unbewussten.

Und wie siehts draussen aus?

In einer Welt, in der das Böse das Bild vertrauter Gegenstände angenommen hat – ein herrenloser Koffer am Flughafen, der heranwehende Rauch einer Zigarette, ein Mann in Nadelstreifen auf der Vorstandsetage, oder einer mit Vollbart in urwüchsiger Bergwelt, eine Tomatenpflanze im Labor oder T-Shirt Wetter an Weihnachten: In solch einer Welt ist das Ausweichen in die Nebenräume des Geisterbahnhofes Tagesgeschehen, und sei es für einen Nachmittag, ein echter Gewinn.

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Option FedCon: Misch dich unter schwerbewaffnete Stormtrooper, leichtbekleidete Uhura-Girls, Klingonen, Mutanten aller Art, triff Spock; spür die unendliche Kraft der Fiktion und werde der du bist – ein Alien!

Uns hat es riesigen Spass gemacht, und wir haben uns geschworen, nächstes Jahr dort nur noch verkleidet aufzutreten.

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Raumschiff-Reeder (noch unverkleidet) im Cockpit der Enterprise

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Sind sie schon unter uns? (nachdenklicher Moment am Bahnhof Bamberg, auf der Rückfahrt von der FedCon XVII)

Die Massen wollen … Wissenschaft | Ein Dankschreiben

21. October 2007

Gestern fand in Erlangen, Fürth und Nürnberg die dritte Lange Nacht der Wissenschaften statt. Am Tag danach stehen wir noch ein wenig unter dem Eindruck der Ereignisse. Dennoch drängt es uns an die Glotze, um den Organisatoren Ralf Gabriel und Pierre Leich danke zu sagen.

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Im Bild: Ethik der Textkulturen. Psychedelisches Wohnzimmer.

Lieber Pierre,
und lieber Ralf!

Heute morgen im verblassenden grünen Licht der dritten Langen Nacht der Wissenschaften, beim Aussteigen aus dem letzten Bus mit Schnapszahl drauf, kam mir die kühle frische Nachtluft entgegen und aus den letzten Eindrücken der vergangenen sieben Stunden kristallisierten sich die ersten Umrisse eines Fazits.
Was für ein grandioses, freundliches Monster habt ihr da auf uns losgelassen! Tausend Türen in Forschungsorte geöffnet, mit vor Eifer schwitzenden Wissenschaftlern drin, und die dazu gehörenden logistischen Verbindungslinien in die Nacht des metropolregionalen Dreiecks ER-FÜ-N gezirkelt. Wie kühn. Wie schön. Wie einfach. Technikangst? Wissenschaftsfeindlichkeit? Elfenbeinturm?
Vermutlich war es die grösste Wissenschaftsnacht Bayerns (Franken eingeschlossen in diesem Fall), vielleicht die grösste Deutschlands. Meines Wissens gibt es in Paris nichts Vergleichbares, und auch nicht in London.

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Angesichts meines Programmheftes aber, das voll ist mit Anstreichungen, Post-its und Eselsohren, habe ich zu dieser frühen Stunde schon ein Bild dessen, was ich zwischen 18 und 1 Uhr alles VERPASST habe. Das Heft der Möglichkeiten ist zu einem Heft der verpassten Möglichkeiten geworden.

Sehe ich mir in zwei Jahren den Rest an, bei der nächsten W-Nacht?

Im Blick auf das vielfältige Leben, das in der Forschung und im Erfinden steckt, und im Hinblick darauf, dass man besser heute als morgen tiefer eintauchen will in das, was in der für wenige Stunden erhellten Wissenslandschaft um einen herum sichtbar geworden ist (wir haben ja nicht ewig Zeit…), scheint das keine echte Option zu sein.

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Im Bild: Kann der Elfmeter gehalten werden? Mathe richtig sinnvoll angewendet…

Es hilft also alles nichts: Kann man es kleiner, überschaubarer, straffer machen? Und sollte man nicht beginnen, über neue Formate nachzudenken?

Wie wäre es, Vorträge auf 15 Minuten zu begrenzen, weil sie damit der Idee vielseitiger, aufregender Erst-Begegnungen, die das Konzept so anziehend macht, besser entsprechen? Sollte man nicht versuchen, Massstäbe für Anschaulichkeit zu entwickeln, vermitteln und anzulegen, um den Teil der Zeit, den man draussen als Wissenstourist nicht im Bus oder auf der Strasse verbringt, wertvoller werden zu lassen? Und müssen die Institutionen, die qua öffentlichem oder eigenem Auftrag sowieso schon in der Öffentlichkeit dauerpräsent sind, auf eurem nicht unendlich breiten Trittbrett mitfahren?

Schliesslich drängt sich der Gedanke auf, warum der Schulterblick in Richtung Wissenschaft und technischer Kreativität der Metropolregion auf sieben Stunden alle zwei Jahre begrenzt sein soll.

Muss der Weg nicht in Richtung einer permanenten “Botschaft” der Wissenschaft gehen, einer Art Dauer-Repräsentanz im Herzen der Öffentlichkeit (die schliesslich dafür bezahlt), und in der sich die Vielfalt des Programmheftes nicht als Frustfaktor, sondern als permanente Inspirationsquelle niederschlägt?

Die Menschen in der Region haben gestern mal wieder eindrucksvoll für populär verständliche, anschauliche und lokale Dialoge mit der Wissenschaft abgestimmt. Wer übernimmt das Mandat?
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Im Bild: Wer lügt, hat die Wahrheit immerhin gedacht

Nichts ist richtig gut, aber es gibt viel davon | Calexico und die Blasmusik

20. July 2007

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Alles wird zu allem. Die Dinge ähneln sich mehr und mehr. Ein einzelnes Produkt kann so viel wie früher fünf (nehmen wir einMobiltelefon in die Hand), und die Grenzen der Konvergenz (= des Verschmelzens, z.B. von Eigenschaften) sind noch lange nicht abzusehen.

Wir beschäftigen uns mit dem Thema, weil Konvergenz ein gutes Hilfsmittel ist, die Welt der Produkte und Dienstleistungen zu ordnen und ein kleines selbsterzeugtes Eiland der Gewissheit mitten im Ozean der Möglichkeiten, Optionen und anderen Unschärfen, die uns umgeben, zu schaffen. Möglicherweise (aber das werden wir in Ruhe und an anderer Stelle weiterverfolgen) übernimmt die Konvergenz von der Geschwindigkeit die Rolle des Leit-Zustandes unserer Zivilisation. Und möglicherweise ist Paul Virilios rasender Stillstand nur ein anderes Wort für erfolgreiches Verschmelzen.
Alles ist angekommen, alles ist schon da.

Das nicht konvergente Ding ist die Quelle und das Ziel – ist pur und zen. Ist auch ernst und hat schlimmstenfalls keinen Funken Humor. Das konvergente Ding ist schrill , kann lachen und und kennt das Lachen der anderen. Es ist irgendwo im Niemandsland angesiedelt, oder verloren auf dem grossen Treck der Evolution. Seine Umrisse sind unscharf, gottseidank, denn es sieht nicht attraktiv aus. Es könnte gar nicht attraktiv aussehen, denn seine Designkriterien sind widersprüchlich, und es dient Zielen, die in alle Himmelsrichtungen verstreut liegen. Das Briefing des konvergenten Dings wurde durch die Burroughssche Cut-up Maschine genudelt, und nur wer sich nicht ans Skript oder die Gebrauchsanweisung hält, wird im Kopf (und Herz) einigermassen unbeschädigt und ohne Selbstzweifel am Ende des konvergenten Projektes stehen.
Aber: Wer will das schon?
Die Welt wie sie heute ist lässt sich besser “surfen”, wenn man nicht alles mitbekommt, was so passiert.

Beispiel gefällig?
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Zwei Konzerte unter Konvergenzbeobachtung: Zunächst war aus dem Indie-Regal Calexico zu sehen (im Vorprogramm, oder besser im engen Verbund mit Lambchop). Immer noch die gleichen amerikanischen Nerds / Checker / Frauenherzengewinner, die sie schon vor sieben Jahren waren. Immer noch, und heute noch viel mehr, wollen sie raus aus dem zugegebenermassen vielbeackerten Riesenreich des Rock-Pop, und sie wählen hartnäckig die Ausfallstrasse Richtung Folklore, ins gelobte Land der hinteren Provinz. Calexico hocken heute auf einer luxuriös umgebauten Telegraphenstange in einer mexikanischen Kaktuswüste, in den rostig herabhängenden Drähten pfeift der Wind. Sie sehen Desperados aus der grossen Stadt, die soeben ihre Frau und vier Kinder zerstückelt haben, im SUV zum Rendezvous mit neu entdeckten Dämonen vorbeirasen. Sie sehen, wie der Skorpion in den verblichenen Schädel des Schakals einzieht, um nicht von der Sonne geröstet zu werden, und sie sehen und hören, wie Heerscharen von multikulturellen Eigenheim-Bauern und sonstigen Globalisierungsverlierern in Feierlaune den Beat ihrer Tex-Mex-Kreationen falsch mitklatschen und dabei schrille mexikanische Laute ausstossen. Mir wars zuviel.
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Szenenwechsel. Gleiche Stadt, andere Bühne. Auf dem “Berg” wird während des Sommers Bier in ununterbrochenem Strahl in Steinzeugkrüge gefüllt, um damit grosse knusprige Stücke vom Schwein hinunterzuspülen. Hier gastieren Kapellen aus dem Umland und geben die Musik zum Besten, die seit Menschengedenken Freitagabends aus den geöffneten Fenstern des Gemeindesaals in den ordentlich gewölbten blauen Himmel dringt. Doch interessant: Heute nichts davon, sondern nach bester amerikanischer Tradition die Verbindung von Schwerem mit ganz Leichtem. Wir hören Wagner und Beethoven, jeweils für Blasorchester transkribiert. Leider haben die Herren Transskribenten auch vor Eric Claptn (Layla-Medley) und Whitney Houston (One Moment in Time) nicht haltgemacht.

Und jetzt schliesst sich ein Kreis: die Blasmusik spielt den Eric Clapton genauso wie Calexico den Sound vom Land. Konvergenz ist, wenn man denkt, man würde an den Rand aufbrechen, um dann knapp neben der Mitte zu stranden.

Was wollten wir zeigen? Dank Konvergenz nehmen die Unterschiede zwischen den Vorträgen von Popbands und ländlichen Blasorchestern nicht nur ab sondern es pegelt sich die Qualität im statistisch unumgänglichen unteren Mittelfeld ein. Nicht ist mehr gut, aber es gibt von allem genug…